Gehörst Du auch noch zu den Gegenwartsverweigerern, die noch nicht die dringende Notwendigkeit organisierten Netzwerkens erkannt haben? Na, dann hatten und haben wir was gemeinsam! Zugegeben: Zwischenzeitlich bin ich der Versuchung erlegen, auch mal daran zu glauben, daß, weil jeder jeden um drei Ecken kennt, sich daraus quasi automatisch riesige neue Jagdgründe, Einnahmen, Chancen und überhaupt: Kontakte auftun. Der rosaroten Brille aber von einer Dame namens Wirklichkeit schnell wieder beraubt, vermag ich – nur wenige Monde nach meinem Anknüpfen an Ling, Ping oder wie das Ding eben hieß – schon alle diese glückseligen Verheißungen in bewährter Art mieszumachen.
Jagdgründe: Fehlanzeige. Weil: Jeder, der da drin ist, will (genau wie ich) natürlich vor allem die Habenseite vermehren und nicht andere finden, denen er was abkaufen soll.
Einnahmen: Ergeben sich aus diesem Grund nur für eine Spezies – und die fand ich sogar richtig erheiternd: “Netzwerker”. Das sind, wie ich inzwischen gelernt habe, nicht die, die wie Du und ich an o.g. Honigtöpfe glauben, sondern solche, die davon Leben, daß angeblich jeder sie kennt und daß sie Dir und mir (ok: Dir) Eintrittskarten zu Parties verkaufen, auf denen genau das, wofür Du virtuell schon einmal Mitgliedsgebühr bezahlt hast, noch einmal in der Realität passiert: Jeder steht rum, hofft, viele zu kennen und einigen seinen Kram zu verkaufen, verteilt die Papierversion seiner Visitenkarte (100 Stück gratis, weil werbefinanziert), die du vermutlich schon zuvor digital bekommen hast und sammelt seinerseits möglichst viele gedruckte Belege der eigenen Vernetztheit.
Chancen: Ja, die gibt es! Wo sonst hat man die Chance, zu erfahren, daß jemand, der jemanden kennt, den du kennst, jetzt nicht mehr Schuhe, sondern Jacken verkauft und/oder seit gestern auf der Suche nach neuen Herausforderungen ist?
Kontakte: Hatte ich tatsächlich ganz schnell ganz viele (ok: zumindest mehr als erwartet). Zum Einen Exemplare der oben beschriebenen Spezies, zum Anderen lauter Leute, die man schon ewig nicht gesehen hat: “Du auch hier? Sieh an, wie klein doch die Welt…” Schon toll. Da hat man A.B. aus S. seit Jahren nicht gesehen, trifft ihn ausgerechnet(!) hier wieder, tauscht steife Belanglosigkeiten aus und verständigt sich darauf, sich “bei nächster Gelegenheit” unbedingt zu treffen. So, wie beim letzten Abschied. Und nachdem dieses Thema ein paar Dutzend Variationen erfahren hat, ist einem dann auch schlagartig klar, warum man all diese Leute seit Jahren nicht gesehen hat: Weil sich die Frage nach dieser nächsten Gelegenheit keiner von beiden noch ernsthaft stellt.
Was bleibt nach dem Bestätigen des – ohne die Hilfe außenstehender kaum gefundenen – Abmeldeformulars? Eine Zeile auf der Kreditkartenabrechnung über 17 Euro und ein paar Cent. Für drei Monate in der tollen Welt des Netzwerkens. Fast, nein: Geschenkt!