Ernst*) ist behindert. Ernst ist heute Rentner. Als Ernst noch kein Rentner war und ich noch nicht in die Rentenkasse eingezahlt habe, lief Ernst immer durch unsere Nachbarschaft. Genaugenommen lief er nicht, er schlurrte, denn neben der geistigen Behinderung hatte Ernst auch noch mit den Folgen einer Kinderlähmung zu kämpfen. Als Ernst so durch unsere Nachbarschaft schlurrte, gab es noch keine Handys mit eingebautem MP3-Player. Es gab auch noch keine MP3-Player, die nicht in ein Handy eingebaut waren. Es gab auch noch kein MP3-Format und noch nicht einmal der Walkman war zu jener Zeit erfunden. Und Kopfhörer, die einen selbst vor schlechtem und andere vor dem Klang an sich schützen, waren entweder unbezahlbar und/oder sahen aus und wärmten auch im Hochsommer wie wollene Ohrenschützer.
Da Ernst trotz schlurrenden Gangs und begrenzten Sprachvermögens durchaus empfindsam war, liebte er Musik. Er liebte Musik so sehr, daß er sie überall hin mitnahm. Onkel Anton*), sein Ziehvater, hatte ihm deshalb eigens ein tragbares Kofferradio gekauft und immer für frische Batterien gesorgt. Und so wußten wir Kinder – die wir, der Zeit gemäß, nicht nur keine Walkmen, MP3-Player oder Handys besaßen, sondern sogar noch mit wenig Material viel Spielphantasie zu entwickeln vermochten – wann immer es erst fern, dann näher, blechern dudelte: Da kommt Ernst.
Das war vor etwa dreißig Jahren. Heute, nach dreißig Jahren, wohne ich natürlich nicht mehr in der Nachbarschaft von damals. Onkel Anton ist längst tot und Ernst in einem Heim für behinderte Senioren, wo er der Musikliebe vermutlich in seinem Zimmer und/oder mit Kopfhörern frönt. Auch wohne ich heute in einer anderen Stadt als Ernst und doch: Immer öfter ertönt das blecherne Dudeln neuerdings an jeder Ecke. Erst fern, dann unaufhaltsam näherkommend. Doch was sehe ich, wenn ich dann, beseelt von nostalgischen Gefühlen, fast hoffnungsvoll auf die Straßenecke blicke?
Da kommt Ernst! denke ich dann, beinahe eingedenk einer seligen Kindheit frohlockend: Doch ach! Was da kommt, schlurrt zwar, doch nicht wegen einer Lähmung. Es sieht zwar beinahe aus, wie meinesgleichen damals: Im besten Alter, um mit Phantasie und dafür ohne teuren Schnickschnack zu spielen. Aber für heute Heranwachsende geht es nicht mehr um banale Fragen wie wer läuft am schnellsten oder hat den längsten. Heute heißt es: Wer hat das lauteste?
Hört, hört, meinen Musikgeschmack!, schwingt es da wie ein verzweifelter Ruf nach Aufmerksamkeit zwischen den blechernen Rhythmen kaum heimlich mit. Mußte man früher erst noch den Führerschein machen, um den gleichen Effekt mit möglichst druckstarken Baßlautsprechern rings um den Dorfanger zu erzielen, genügt heute eine Prepaid-Handy-Geschenkbox.
Wenn Ihr wüßtet, wie behindert Ihr armen Teufel wirkt!, ist man zuzurufen fast versucht. Aber das wäre eine Beleidigung. Für Ernst.
*)Namen aus Anstand geändert