Neulich war ich in der Stadt. Also nicht im Sinne von “ich war in Berlin”, sondern ich habe mich an einen Ort begeben, an dem es überdurchschnittlich viele Krämerläden und, wie unsere Befreier die von uns befreiten hinter Erichs Betonfassade das nannten, “Kaufhallen” gibt. Das Ziel: Ein paar Beinkleider, Pantoffeln, ein Leibchen womöglich auch.
Doch ach: Ähnlich, wie früher im Land der Kaufhallen rund um Termine wie den 1. Mai oder auch den 7. Oktober war alles aber auch wirklich bis ins letzte tapeziert mit roten Bannern. Diese freilich kündeten nicht von einem Loblied auf die Werktätigen (wie auch, mitten im Juli!), auch nicht vom Sieg des Sozialismus war die Rede (wenngleich mich das in unserem zunehmend staatssicherheitsoptimierten Land auch nicht gewundert hätte, aber selbst wenn: Das wäre je nach Elbufer im Oktober oder im November und eben nicht im Hochsommer). Also, um ehrlich zu sein: So recht verstanden habe ich die folgende visuelle Reizüberflutung erst mal nicht:
So frohlockten sie, die Schilder allüberall in den Fensterbänken.
Und zwar egal, wohin man schaute…
…überall ging es um SALE. Ich überlegte angestrengt, …
…ob mir dieses Wort in meinem deutschsprachigen Vokabular bisher entgangen war, kam aber lediglich auf einen Fluß im Großraum Halle (natürlich: DDR!), entschloß mich aber, meine schlimmsten Befürchtungen über eine von mir nicht rechtzeitig bemerkte Annektion vor ca. 20 Jahren zumindest für den Augenblick trotzdem in den Wind zu schlagen…
…und kam noch kurz auf den Dativ eines großen Raumes, der sich aber, wie der östliche Fluß, mit einem “A” mehr zu schreiben hatte. Jedenfalls in meiner Realität.
Beim Wort Lager kam mir dann plötzlich die strahlend helle Erleuchtung: Na klar. Es geht um ordinäre Waren des täglichen Bedarfs!
Sofort hatte ich es klar vor Augen: Damit kochst Du Dir dein täglich Mittag!
Plötzlich ergab alles einen Sinn! Klar: Asse ist undicht, Lauge läuft rein, da muß man Salz rausholen und das kannmuß man billig verkaufen. Juchu, du bist doch nicht im Sozialismus, sondern in kristallklarer Marktwirtschaft.
Selbst alteingesessene Modefürsten haben deshalb umgesattelt…
…und lassen ihre Strickwaren aus Salzfäden (die im Dunklen leuchten) anfertigen.
Jedes einzelne Salzkorn gibt es hier (teilweise) für die Hälfte: Toll. So dachte ich. Bis…
…mich dieser Anblick mit einem Schlag endgültig wachrüttelte: Karstadt ist doch verscherbelt worden. Wieso sollten die noch Salz im Sortiment haben? Und da, plötzlich, war der Fall dann wirklich klar: Es geht gar nicht um Salz. Es geht um den großen Ausverkauf. Karstadt haben sie bereits an eine Heuschrecke (vielleicht namens “Sale”?) verkauft. Was mag als nächstes kommen? Mal sehen, ob uns auch das ein schönes rotes Schild verrät…
…aha: Der Sommer. Na klar! Sommerausverkauf. Saisonausverkauf! Das, was man früher altbacken Sommerschlußverkauf nannte!
Da haben wir ihn also, den Salat. Während es früher einen Sommerschlußverkauf gab, bei dem sich panische Hausfrauen termingerecht einfinden konnten, um sich um Badehosen und Seidenblusen zu prügeln, ist das einzige, was heute noch ausverkauft wird, die deutsche Sprache. Weil man vom Schlußverkauf nicht mehr sprechen soll und Ausverkauf wohl nicht “neudeutsch” genug klingt, wird kurzerhand und dafür immerhin wochenlang in bestem Denglisch eine Binsenweisheit plakatiert: Wir verkaufen was! Gut, daß ich das jetzt endlich weiß.
Also, immerhin: Lehrreich war er, dieser Sonnabend. Und billig: Gekauft habe ich nämlich: Nix. Nicht mal Salz.