Ich weiß schon. Über sterbende Dinosaurier muß man sich nicht lästernd auslassen, das tun die mittlerweile schon selbst so geschickt, daß kein Auge trocken bleibt.
Und damit bin ich schon bei dem Dinosaurier, der mich gestern zur Verzweiflung gebracht hat – obwohl der eigentlich längst tot sein müßte. Troubadix könnte man den nennen, ach nein, letzterer hat ja selbst musiziert, während der, den ich meine, lediglich (aber dafür viel zu lange viel zu gut) davon lebte, Musik auf Plastikscheiben zu kopieren und einen jahrelangen, zuletzt peinlich bis grotesken öffentlichen Todeskampf anstimmte, als er viel zu spät merkte, daß die Leute Plastikscheiben lieber selbst kopieren. Oder gar nicht mehr, weil es ihnen gar nicht um die Scheiben selbst, sondern primär um deren Inhalt geht.
Also: In meiner Jugend Maienblüte gab es von einem Künstler (der sich, übrigens auch aufgrund von Streitigkeiten mit Dinosauriern, immer wieder mal neue Namen gab, die auf seine Plastikscheiben gedruckt werden mußten) ein ziemlich schönes Stück. Das war so gut, daß ich es mir damals schon von meinem raren Taschengeld auf so einer Plastikscheibe gekauft habe. Die hat seinerzeit etwa 15 Mark gekostet, was inflationsbereinigt heute ungefähr 250.000 Euro sein dürften. Oder auch etwas weniger, aber immerhin deutlich zu viel angesichts des umständlichen Bezugswegs damals:
- Busfahrschein kaufen
- in die Stadt fahren
- Plastikscheibe holen
- noch einen Busfahrschein kaufen (oder eine Monatskarte gehabt haben)
- heim fahren
- Plastikscheibe auspacken
- Stereoanlage anwerfen
- Plastikscheibe einlegen
- Lied hören.
Daß man die Schritte 1-8 heute getrost als historisch betrachten darf, sich das Geld für Transportmittel sparen und Lieder in mittlerweile hervorragender Qualität binnen 30 Sekunden platzsparend als Datei frei Haus bekommen kann, geschenkt. Daß ich, weil die oben genannte Plastikscheibe durch eigenes Verschulden sowohl physikalisch (verliehen, verloren, verschlampt?) als auch inhaltlich (bei meiner vor allem aus Wohnraumoptimierungsgründen – ja, ich hasse unnötige Staubfänger! – durchgeführten großen Plastikscheiben-auf-Massenspeicher-Kopieraktion wohl übersehen?) perdü ist, erneut für das Lied (freilich nicht wieder für eine unnütz staubfangende Plastikscheibe) bezahlen muß: Wäre halb so wild, wenn das “muß” nicht ein “müßte” wäre.
Denn glaub mal nicht, daß auch nur eins der inzwischen zahlreichen seriösen Musik-Herunterladeportale den Titel bei sich hat. Und warum? Die Glaskugel sagt: Das Riesenlabel, unter dem das Lied damals auf Plastik kopiert wurde, verweigert sich (wohl als letztes seiner Art) bis heute der Realität: “Wenn wir das zum Herunterladen anbieten, wird es nur raubkopiert werden.” Und nun rate mal, was der einzige zeitgemäße Weg ist, sich diesen Titel (für den jemand wie ich schon vor Jahren aus heutiger Sicht unseriös hohe Summen bezahlt hat) nun wieder zu beschaffen (ohne dabei auf gebrauchte Plastikscheiben zurückzugreifen): Genau. Sogenannte Raubkopierertauschbörsen. Dort ist es in jeder vorstellbaren Kompression und Version zu haben. Binnen Minuten.
Um den Bogen zum Anfang wieder zu bekommen: Angesichts solcher Lächerlichkeiten darf man freudig gespannt sein, welchen absurden Todeskrampf uns in den kommenden Jahre der Totes-Holz-Saurier (Verlagosaurus Giganticus) liefert. Den des Scheibus Plasticus zu toppen, das muß man erst mal bringen.