Alle Jahre wieder freue ich mich auf das Weinnachtsfest. Nicht in erster Linie ob des Weins (ich bevorzuge bekanntlich Bier), auch nicht wegen der befreienden Wirkung des Weinens – obwohl, das Folgende ist im Grunde eher zum Weinen, zumal man[tm] über seine limitiert lebenskompatiblen Artgenossen ja auch nicht lachen soll.
Ich freue mich also deshalb, weil, was vermutlich in der überwiegend kreuzritterischen Gesinnung der Bevölkerungsmehrheit begründet liegt, am heiligen Abend so ab 16, 17 Uhr Omma und Oppa mit Vatti und Mutti und dem Rest der Herde unter der Fichte kauern und sich gegenseitig mit Kommerzartikeln ein schlechtes Gewissen machen (”du sollst doch nicht so viel”, “na da muß ich aber nächstes Jahr auch deutlich mehr”) oder den Kommerz weglassen und gleich zum obligatorischen Austausch schmutziger Wäsche übergehen.
Im Grunde genommen ist es mir natürlich auch ganz Wurst, was da unter echten Nadelgehölzen oder Nadelgehölzimitaten aus echtem Plastik in volksdeutschen Wohnzimmern vor sich geht. Entscheidend an der Sache ist die (bislang) unumstößliche, physikalische Realitätskonstante, daß ein Stück Artgenosse nunmal immer nur an einem Ort sein kann. Und da es in diesem unserem Reich bestenfalls üblich ist, sein gelsenkirchener Barockmobiliar nebst Tannenschmuck in der Nähe von, niemals jedoch unmittelbar auf den Reichsfernstraßen zu arrangieren, ist dieser so genannte heilige Abend für mich vor allem ein eiliger Abend: Freie Fahrt mit Bleifuß voraus. Holland – Polen in vier Stunden.
Theoretisch.
Praktisch gibt es natürlich die eine oder andere, wie man es im RennMotor“sport” gern nennt, Schikane. Da wären zum einen Großbaustellen wie die am Kamener Kreuz. Die man zunächst rechtzeitig vor meinem Expreßfest schließt, um mich in geschwinder Sicherheit zu wiegen, nur, um sie unmittelbar anschließend weiter östlich wieder aufzubauen. Dann gibt es Nickeligkeiten wie Regen, der sich um diese Jahreszeit häßlicherweise noch gerne mit Temperaturen nahe der Frostgrenze paart. Und den einen oder anderen Lastwagenfahrer, geschenkt.
Richtig lächerlich wird es jedoch, wenn die letzten ver(w)irrten Sonntagsrentner sich in der Zeit vertan und im Weg geirrt haben und dann, hilflos wie sie eh schon sind, auf der Fernstrecke auch noch von Wasserdampf überrascht werden. Ich spreche bewußt nicht von “Nebel” im Sinne der Straßenverkehrsordnung. Eher von verirrten Wolken, die einen dennoch selbst bei Dunkelheit problemlos bis zur nächsten Ausfahrt blicken lassen. Dieser Dunst jedoch überfordert das kombinierte Groß- und Kleinhirn des Schleichus Linkus Ordinaricus vollständig. In einer Kombination aus Fluchtreflex und weinnachtlichem Romantikanflug werden dann sofort das Tempo blitzartig von 140 auf 141,5 erhöht sowie sämtliche verfügbaren Kerzen am fahrenden Tannenbaumersatz entzündet und sichergestellt, daß zwischen Mittelleitplanke und Rückspiegel kein Lametta mehr paßt.
Den Spaß mindert mir sowas freilich nicht mehr. Im Gegenteil. Denn in jahrelangen Objektstudien habe ich etwas (wenigstens für mich) ganz erstaunliches gelernt: Der blockwartige Reflex, von hinten links herannahenden Feinden die aus eigenem Ermessen völlig überhöhte Schnellfahrt durch gezieltes Blockieren der linken Spur zu verwehren, funktioniert auch rechts. Sprich: Von rechts hinten antäuschen und, sobald dem sich annähernden vermeintlichen Rechts”überholer” der Weg blockiert ist, ganz ordentlich nach links ziehen und dran vorbei. Und sich dann über die erregten Orgelspiele des zweiten Scheinwerferpaares im Rückspiegel freuen.
Deutschland, zur heiligen Nacht, anno 2010 (und eigentlich schon immer). Es war wie immer ein schönes Fest.