DavidBLN.de

19. Januar 2010

Bei Anruf fremdschämen

Zugegeben: Wir haben auch Telefonstreiche gemacht. Und sogar manchmal mitgeschnitten, ohne Wissen des Angerufenen. Das kann ich insofern ungeniert zugeben, als das noch deutlich vor der Doktorspielchenphase stattfand und damit sowohl straffrei als auch verjährt ist. Und ich kann auch heute noch über manche unserer gar nicht so üblen Ideen und deren durchaus anspruchsvolle Durchführung (sogar mit Stimmverzerrern haben wir gearbeitet!) schmunzeln. Letzteres konnte ich im übrigen auch und sogar noch gerade so (jedenfalls ganz am Anfang) über “Paul Panzer” und, weil ein bißchen politisch inkorrekt, über “is meine Name Achmed” (weiß eigentlich jemand, wer offiziell dahinter steckt?).

Daß in einfallslosen “immer gut gelaunt”-”Morning shows” bei billigst produzierenden Privat-Dudelfunkstationen (die Premiumexemplare sind an einem zufallsgeneratorbasierten Frühstückstischgeräuschteppich erkennbar, der als Ergänzung zum betont gut gelaunten und natürlich völlig spontanen Smalltalk der Werbeblock-Unterbrechungsmusik-Unterbrecher-Sprecher jeden Zweifel daran ausräumen soll, daß das ganze nicht in einer gemütlichen Redaktionsteeküche mit dampfendem Kaffe und goldenen Schrippen stattfindet) ebenfalls Telefonstreiche duchgeführt werden, ist bekannt. Auch, weil diese in etwa zwölf von zehn Fällen vollständig unwitzig, verkrampft und/oder getürkt sind (womit ich hier nicht den oben erwähnten “Achmed” meine).

Peinlich wird es, wenn der gebührenfinanzierte Rundfunk (der eigentlich genug Geld für wirklich unterhaltsame Beiträge erhält) meint, “das mache man nun mal so” und von meinen Gebühren ebenfalls einen Verbalspastiker alimentiert, damit der mittels Ferngespräch ahnungslose Leute (und nach erfolreichter Aufzeichnung dann mittels derselben mich beim Sport) belästigt. Noch peinlicher wird es, wenn das ganze – voll youngzterz-ztyle, ey – ernsthaft als

geilomatige Telefoncomedy

oder, treffender, als “spastsigstes Spaststelefon” der Welt, angepriesen wird. Der Sender, der nach seinem Selbstverständnis

Nachwuchs fördern und unentdeckte Talente ans Tageslicht bringen will

hält “Jimmy Breuer” für einen “Comedian”, der

die Geschichte der Standup-Comedy neu schreiben wird

und

der personifizierte Pointenhagel, der neue Stern am Spassfirmament

sei. An diesem Firmament der Freude funkeln kometenhafte Brüller wie dieser:

Tachometer, … ich hoffe, ich störe?

“Rasend” komisch, um mal den Witz, der das nachfolgende Trauerspiel einleiten soll, fortzusetzen. Zu den kreativen Erstergüssen dieses Shooting Stars (im Sinne von: Abschuß) der Komödienszene gehören nämlich so einzigartig geniale Einfälle, wie bei einer Fahrschulsekretärin anzurufen und anzügliche Witzchen frisch aus Opas Eckkneipe zu reißen:

Sie sind ja in einer Fahrschule… ich hätte gerne Verkehr mit Ihnen!

Der Augenblick, in dem sich das Fremdschamgefühl zur Gänze einstellt, ist eigentlich schon erreicht, wenn der berufsjugendliche Pseudospätpubertierer nicht nur nicht bei seinem Opfer landen kann (“finden Sie das witzig?”) und das nicht merkt, sondern, deutlich am Hecheln erkennbar das Lachen über die eigenen Zoten kaum unterdrücken könnend, noch mal seine geniale zweideutige Pointe, nämlich: “Fahrschule < -> Verkehr“!!!) erklärt, um dann auf die erneute Frage, ob er das witzig fände, erstens “ja” zu entgegnen und zweitens noch einen Schenkelklopfer draufzusetzen (vermutlich, weil das so im Manuskript stand):

Ich hoffe Sie haben gute Airbags, ich habe nämlich ein sexy Fahrgestell und ein sexy Getriebe

Aber es geht noch schlimmer. Anstatt sich zu entschuldigen, wird, auf den erregten Einwurf der Belästigten, den Anrufer anzeigen zu wollen,

Angeschmiert mit Klopapier

entgegnet.

Zum endgültigen Ohrendünnschiß wird das ganze aber schließlich, wenn man, offenbar aus Mangel an weiteren Minutenfüllern, den ganzen mißlungenen Schwachsinn nicht nur überhaupt, sondern trotz vermutlich etlichen Protesten sich ebenfalls fremdschämender Hörer auch noch mehrfach am gleichen Morgen verwurstet. Und zwar selbst dann, wenn das Einverständnis der Angerufenen am Ende doch noch vorlag oder, was freilich die Krone der Peinlichkeit wäre, die Sache fingiert war.

Eigentlich[tm] gibt es für solche zwangsabgabenfinanzierte Gehirngülle nur eine Reaktion: Selbst anrufen. Vielleicht so:

Friedrich Fessel, Staatsanwaltschaft Düsseldorf. Wir haben noch einige Fragen zu Ihrem ehemaligen Mitarbeiter, Herrn Breuer, hinsichtlich Gebührenvergeudung und Bürgerbelästigung. Außerdem geht es um die Beschäftigung geistig Minderjähriger. Hahahahaha, angeschmiert mit Klopapier!


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