DavidBLN.de

4. März 2010

Wo sind all die Uhren hin?

Wo sind sie geblieben?

Es gibt ja so viele Dinge, die es nicht oder zumindest so gut wie nicht mehr gibt. Oder die wenigstens konstant immer weniger werden. Zum Beispiel Raucher, plärrende Nachbarsblagen, oder, wenn auch zumindest in diesem Land mit nur homöopatisch sinkender Tendenz, Internetzausdrucker. Das waren jetzt alles Beispiele, die man, sobald sie mal zur Gänze weg sind, nicht nur nicht vermissen, sondern sich betreffs selbiger alsbald fragen wird: “Was war das noch mal gleich?”

Während man Exemplare wie die eben genannten also nicht bewußt als fehlend wahrnimmt, gibt es natürlich auch Dinge, die offenbar doch bedeutsam genug sind, um als nicht mehr wesend bemerkt zu werden. Neben funktionierender und zuverlässiger öffentlicher (insbesondere Verkehrs-)Infrastruktur, Schultheiß-Weiße und halbwegs unkorrumpiert der (echten) sozialen Marktwirtschaft anhängenden Politikerhirnen sind das vor allem, so bilde ich mir ein: Öffentliche Uhren.

In meiner Jugend Maienblüte, gab es sowas an sprichwörtlich jeder Straßenecke. Sei es als Bestandteil eines (Straßen-)Bahnhofs, freistehend wahlweise mit oder ohne rotierendem und wahlweise illuminiertem Werbewürfel, an öffentlichen Gebäuden, Geschäften, Apotheken, an Hauswänden oder in Schaufenstern, kurzum: Die allgemeine Zeit war derart präsent, daß man sich ihr zumindest im Stadtgebiet praktisch nicht entziehen konnte.

Nicht hauptsächlich deshalb, aber durchaus davon begünstigt, habe ich es mir daher schon zeitig abgewöhnt, die empfindliche Haut meines Handgelenkbereichs mit zeitscheibenbewehrten Fesseln aus muffigem (Kunst-)Leder, klapperndem Blech oder schäbigem Plastik zu belasten. Zumal auch das plötzlich wie eine Landplage allgegenwärtige Mobiltelefon recht bald mitteilen konnte, was die Stunde geschlagen hat (in jedem Sinne).

Gut möglich, daß mir das seither auffällig konsequente Sterben der gemeinen öffentlichen Zeit weit mehr auffällt als Zeitgenossen, die den privaten Selbstversklavungsapparat am Unterarm mindestens als selbstverständlich, in extremen Fällen sogar als dekoratives (und die Ausgabe vierstelliger Beträge wertes) Element betrachten. Und selbst denen, die nach fortgeschrittenem Biergenuß beim Überprüfen der privaten Zeitmaschine den gesamten Unterarm – zur Erheiterung der Umstehenden – nebst Maßkrug um 135° drehen, muß doch inzwischen klar geworden sein:

Das waren SIE. Die Neokapitalisten. Sie, die alles privatisieren wollen, investieren längst in Chronographen. SIE meinen, wenn sie nur die Sozialuhr auf dem Rathausplatz auch noch abschaffen, kaufe ich mir womöglich auch so eine Handfessel. Aber da können SIE lange warten, ich habe auch so genug Zeit.


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