Wenn ich an irgendeinem Punkt konservativ bin, dann wohl als Vertreter der klassischen “niemals ein funktionierendes System ohne Not ändern”-Devise. Weder konnten mich zum Beispiel in den letzten knapp zehn Jahren Windows “Vista” oder “7″ (aka Vista 2.0 oder NT 6.1), noch das wirklich schon sehr gut gediehene Ubuntu-Linux von meinem vertrauten und vor allem: Seit eben diesen knapp zehn Jahren durchgehend ohne etliche Neuaufsetzungen funktionierenden XP weglocken.
Eine winzige Ausnahme, die auch nur zum Teil eine ist, sind Updates und gelegentlich Upgrades einzelner Anwendungen. Nicht aller indes; Office etwa läuft nach wie vor in der vorletzten Version und das ausgezeichnet – aber einiger. Allen voran Opera, seit Jahren mein favoriter Browser. Einmal, weil er schnell und kompakt alles kann, was andere erst mühsam nachinstallieren müssen (Beispiel: Firefox). Und außerdem, weil um ihn in all den Jahren nicht dieser immer irgendwann einsetzende Bohei angestimmt wurde (Beispiel: Firefox).
Vor allem aber habe ich bedenkenlos jedes angebotene Update installiert, weil die norwegische Softwarefirma irgendwann mal ein ungeschriebenes Gesetz erlassen haben muß, Wortlaut vermutlich etwa: “Egal, wie schick und toll neue Funktionen und vor allem Designs auch sein mögen: Es hat der User immer das Grundrecht, weiterhin mit dem vertrauten Interface und vertrauten Tastaturkürzeln arbeiten zu können, wenn er das denn will. Schlimmstenfalls muß er gelegentlich eine neue Optik deaktivieren oder einen Shortcut von Hand zurückbiegen.”
Genau auf dieses Grundrecht poche ich. Als Inhaltsfetischist ist mir Verpackungstrallafiti nicht nur egal, sondern nachgerade ein Graus; einzoomende oder smart wegblendende Fenster oder im Kfz-Stil beschleunigende und verzögernde Scrollbars stehlen vor allem meine kostbare Zeit, die dann nicht mehr zum Konzentrieren auf Wichtiges zur Verfügung steht und Rechenleistung kann ich wirklich sinnvoller einsetzen als für Klickibunti. (Wohlgemerkt: “Kann” und “ich”, nicht “muß” und “man”, denn jeder soll ja wie er will. Aber: Ich will halt nunmal so und nicht anders.)
Also: Ein gutes Gesetz, das Opera da all die Jahre befolgt hat. Hat, wohlgemerkt. Denn vor ein paar Tagen hat man es dem Kaiser der neuen Kleider zum Opfer vorgeworfen, der vermutlich seit neuestem mit irgendwelchen Schlipsträgerbrigaden in Oslo regiert. Seit Opera 10.50 sind nun Tabs als Unterfenster (mit klassischen Unterfenstersteuerelementen zum schließen, minimieren und wiederherstellen rechts oben unter jenen des Programmfensters) Geschichte und meine konservativen Tab-Buttons durch furchtbar( modern)e, zwangsabgerundete Tabs im nervig-omnipräsenten “flat style” ersetzt, Animationen und Ein-/Ausblendungen nicht mehr deaktivierbarer Zwangsstandard selbst in der “nativen Windows-Skin” und herkömmliche (”altbackene”, “langweilige”) Standard-3D-Schaltflächen oder Menüs ohne Schattenverlaufseffekte endgültig Geschichte. Jedes Bestätigen eines Javascript-Hinweisfensters dauert nicht mehr wie noch bis Version 10.10 inklusive wegklicken ca. 50 Millisekunden, sondern wenigstens 500 – denn ein toller Vista-”Hintergrund-nach-dunkel-ausblend-und-erst-dann-das-eigentliche-Fenster-anzeig”-Effekt ließ sich in der “sensationellen neuen Renderingengine” wohl nicht als “optional” einbringen.
Na: Die angeblich “sieben mal schnellere Javascriptengine” wird’s danken. Ebenso der Nutzer – ich jedenfalls: Noch heute Abend erfolgt das Rollback auf 10.10 – und das wird dann wohl bis auf weiteres mein letzter Opera sein, wenn man sich in Oslo nicht noch auf gute Traditionen besinnt. Eine Weile komme ich damit noch gut klar, und irgendjemand wrd sich bezeiten schon an das genannte Grundgesetz erinnern.
Angesichts der aktuellen Entwicklung sollte man “Opera” wohl jedenfalls schnell in “Operette” umbenennen. Nicht weil er kleiner und leichter geworden wäre, aber wie schon vor Jahrhunderten in der Bühnenkunst obsiegt nun auch im Browserfenster (und im Wortsinn) das Oberflächliche. Schade.
Nachtrag: Nicht nur, daß das Teil mich ohne Not von sehr liebgewonnenen Präferenzen wegzwingen will: Es ist auch noch hoffnungslos buggy. Die tolle neue Grafikengine ist bestenfalls Beta-Ware, verkackt bei Plugins oder simplem Alt-Tab-Wechseln und reagiert nicht auf jedes Systemereignis mit dem obligatorischen “Refresh”. Obendrein ist alles grottig langsam geworden (welch Hochgenuß ist doch da der soeben wiedergewonnene 10.10) – also wie gesagt: Totalausfall, liebe Norweger. Setzen, sechs, nochmal schön neu. Bzw.: Alt. Wenigstens wie gesagt als Option. Bitte. Danke.
Nachtrag 2: Meine Güte. Was habe ich neulich noch über andere Browser hergezogen, die einem irgendwas unterjubeln ohne zu fragen. Und was sehe ich da heute nur so nebenbei? Da versucht nun auch der wiederhergestellte Opera 10.10, ohne meine Erlaubnis einzuholen, wiederum auf diese unsägliche neue Version (siehe oben) zu wechseln. Und das, obwohl ich natürlich als erstes alle automatischen Updates ausgeschaltet hatte. Wie kann das sein? Wurde womöglich die von mir in der natürlich prompt nach dem Zurückrollen angeboten Aktualisierung gewählte Option “später erinnern” (genau: “ich will dieses Update nicht” stand gar nicht zur Debatte!) einfach mal uminterpretiert in “ändere meine Update-Einstellungen so, daß ich gar nicht mehr gefragt werde”? Es ist wirklich traurig, zu sehen, wie ein Produkt, das einst Avantgarde war, binnen kürzestem auf diesen unsäglichen Zug voller Taschenspieler aufspringt und sich disqualifiziert. All das kann für einen Skeptiker für mich nur den Grund haben, daß in der neuen Version irgendetwas sein muß, das man mir um jeden Preis untejubeln will. Vertrauensbildung geht anders.