Vorweg: Ja, Herr Gauck hat im Gegensatz zum Welfenschwiegersohn Ecken, Kanten und eine klare Linie. Und ja, er wäre auch mir von beiden nennenswerten Kandidaten lieber gewesen – wenn auch nur als kleineres Übel.* Übrigens: noch während der Versammlung hätte jeder Teilnehmer der Bundesversammlung, und sei es nur um ein Zeichen zu setzen, selbst eine geeignete Person seines/ihres Vertrauens als Kandidat vorschlagen können, das nur am Rande.
Daß ausgerechnet die vermeintlich gut informierten twitternden und bloggenden “digital natives” sich jedoch instrumentalisieren lassen, völlig unreflektiert nicht nur Herrn Gauck als nachgerade messiasgleichen Landesführer mit ausschließlich positiven Eigenschaften öffentlich anzuhimmeln, sondern der Linkspartei und ihren Wahlleuten, die es wagten, sich nicht einfach für einen mit ihr nicht abgestimmten (wir erinnern uns: Herr Gabriel von der “S”PD hatte, gemeinsam mit Herrn Trittin, nicht etwa die Linken per SMS kontaktiert, sondern lieber den Bundesdoktor) “überparteilichen” Kandidaten einspannen zu lassen, enttarnt in einem kaum beschreibbaren Maße die Naivittät und womöglich Selbstüberschätzung jener, die von sich behaupten, nicht Teil einer gar nicht existierenden “Internet-Gemeinde” zu sein sondern längst die breiten Massen zu repräsentieren. Wobei: In letzterem Punkt haben “sie”, die sie da munter neben dem Drei-plus-ein-Gänge-Menü der Marathonversammlung hertwitterten, damit sogar Recht, hat doch zuletzt das gefühlte ganze Land “yes we gauck” gekreischt – scheint irgendwie ein Volksbedürfnis mit langer Tradition zu sein.
Schauen wir uns die Sache mal chronologisch an:
- Merkel läßt “Zensursula” ins Spiel bringen – die “Netzgemeinde” kocht und schäumt, ich nehme mich da nicht raus.
- Kurz darauf “Entwarnung” – nun soll es der biedere Evangelikale aus Hannover werden. Das wird postwendend als “erster Sieg” – nun gut, nicht gefeiert, aber immerhin hier und da angenommen.
- Einen “Überraschungscoup” landet anschließend die Basta-Agenda-Koalition (die mit den ehemaligen Spitzengasmännern; die, von denen einige noch unlängst mit der nun angeblich ins Mark getroffenen Bundesdoktorin gerne vom gemeinsamen Vorratsdaten- und Netzsperrentischchen aßen und andere nicht einmal grünbraunen Arsch in der Hose hatten, geschlossen gegen diese Zensurinitiative zu stimmen): Sie nominieren den “Atlantiker” (=kompromisßlosen USA-Freund), den “für die Freiheit” (=gegen jede Form eines “fürsorglichen” Staates) kämpfenden “Bürgerrechtler” (=insbesondere das Recht auf “Eigenverantwortung” in jeder Lebenslage hochhaltenden) und “Antikommunisten” Gauck, mit dessen Positionen sich auch nach eigenem Verständnis freiheitsliebende Bürgerrechtsbewegte besser mal ausführlich auseinandersetzen sollten.
- Wie durch ein Wunder folgt eine mediale Kampagne, die, und spätestens hier sollte man stutzen: Vorrangig von Springer-Medien massiv geführt wird und den Gegenkandidaten als “den wahren Mann des Volkes”, “Präsidenten der Herzen” und dergleichen mehr nachgerade anbetet.
- Zeitgleich und vermutlich aus Erleichterung, daß es eine vermeintlich “linksbürgerliche” Opposition geschafft hat, einen Mann mit Chancen zum indirekten “Kanzlersturz” aufzustellen und natürlich, daß es weder ein in zweifelhaften Kirchenkreisen Verkehrender noch eine rabulistische Mutter der Nation werden könnte, entstehen Twitter-, Facebook- und sonstige Kampagnen, denen man, wäre der Mann bereits im Amt, unverzüglich einen klaren Führerkult attestieren würde und denen, ich räume es ein, ich mich auch selbst für kurze Zeit und aus den vermutlich gleichen Beweggründen, angeschlossen habe (siehe oben: er wäre in der Tat das vermutlich kleinere Übel gewesen).
Im weiteren Verlauf entblödet sich dann mancher – in beschämender Fehlinterpretation von Ursache und Wirkung und in der Annahme, man habe nun auch selbst (”mal wieder”) eine kleine Revolution angezettelt – nicht, Tweets wie #Zensursula haben wir geschafft, #Wulff schaffen wir auch noch! #mygauck abzusondern. Ja, mancher versteigt sich ernsthaft zu der Annahme, man selbst habe den erwähnten Pressezirkus überhaupt erst “angetwittert”.
Unglaublich – aber noch maßloser als diese sommermärchensüchtige Selbstvergaucklerei dann die verbitterte verbalisierte Enttäuschung im Nachgang:
Scytale Habs ja immer für Diskreditierung durch die Etablierten gehalten, aber bin jetzt überzeugt: Die Linke gehört nicht in die Politik.
Carisma_tisch Ohne die Linken gabe es schwarz-gelbe Politik nicht. Auch wenn es nicht deren erklärter Wille ist, so ist es doch deren Wirkung.
DennyRamone Die kleinen Linken wollen aus dem Schmollparadies abgeholt werden.
Fragt sich nur, wer da schmollt – denn da wird, zusammengefaßt, nichts anderes als die Wut darüber, daß ein von vornherein aussichtsloses Unterfangen (denn daß Gauck für die Linke unwählbar ist, war dem Seeheimer Gabriel und seinen neoliberalen Partei- und Oppositionsfreunden selbstverständlich klar) erwartungsgemäß in die Hose ging, daß es kein Messias-Wunder gab, daß es nun keine neue Koalition und keine Neuwahlen gibt, ja, die Ernüchterung, daß 38.000 Facebook-Gruppen-irgendwas-Dings-Teilnehmer kein politisches Erdbeben bewirkt haben: Das alles wird nun ausgerechnet auf die projiziert, die für die Wahl eines Herrn Wulff zum Nachwuchsköhler am allerwenigsten können – auf die Linksfraktion.
Sie, die “Unwählbaren”, die “Utopisten”, die sich der “Alternativlosigkeit” des “Basta” krankhaft verweigernden, die “Parlamentsparias”, ja: Die bestimmt-immer-noch-Stasi-Tollfinder mit ihren ganzen Zwangskollektivierungsvorstellungen: SIE sind nun Schuld. Schuld, daß sie (vermutlich:) ihre 121 Stimmen nicht hergaben, um die 494 Gauck-Stimmen auf 615 aufzustocken und damit grandios Wulff rauszuwerfen, der lediglich 625 Stimmen hatte. Sie, die von einer grandiosen Mehrheit (insbesondere vermutlich im Lager der Nichtwähler) in Bund und Ländern gewählt wurden – sie sind Schuld, daß die Vertreter der schwarzgelben Minderheitsregierung unglaublicherweise ihren eigenen Kalkülkandidaten durchgebracht haben und, ja, sie sind sage und schreibe Schuld, daß “Schwarz-Geld” seine Politik machen kann. Herr, wirf Hirn, denn: Die spinnen, die Germanen.
Ganz Germanien? Nein. Wenigstens einer hat es dann mal doch noch begriffen:
nicetry1974 Was wollt ihr eigentlich alle? Die Mehrheit hat ihren Kandidaten gewählt. Wie angekündigt. Und wer hat die gewählt? Ihr! #bpw #bv10 #bp10
Nachtrag: Es täte so manchem Gauck-Jünger übrigens gut, den wie ich finde sehr sachlich und wertungsfrei gehaltenen Beitrag des Spiegelfechters zu diesem Thema auf sich wirken zu lassen. Weniger wertungsfrei, aber nicht minder erkenntnisreich (vor allem bezüglich der vermeintlichen Vergangenheitsverbohrtheit der Linkspartei) ist dieser Beitrag hier. Man muß die Position nicht teilen, aber verstehen, daß hinter der Ablehnung des “Freiheitskämpfers” nicht nur mehr, sondern etwas ganz anderes steckt, als dümmliche Ostalgie, nämlich ein diametraler Gegensatz in der politischen Grundüberzeugung, dieses bißchen Antizipation sollte dann doch drin sein.
*Nachtrag 2: Je mehr ich zu dem Thema lese und je mehr ich darüber nachdenke, komme ich zu dem Schluß: Ich habe mich geirrt. Ich habe Gauck für das kleinere Übel gehalten, das aber nur, ohne nachzudenken und wohl vornehmlich aus dem gleichen Grund, aus dem viele so sehr auf ihn gehofft haben: Damit Schwarz-Geld gekniffen ist. Irgendwie. Nur: Das wären sie in Wirklichkeit nicht gewesen. Im Gegenteil. Und Gauck hätte vor allem für eins gestanden: Für die Manifestation eines knallhart neoliberalen schwarzgeldrotgrünen Parteienblocks. So wie die “Nationale Front” in der von ihm so verhaßten DDR, nur einem anderen -ismus bedingungslos die Treue schwörend. So wie es nun – plangemäß – kam, hat Deutschland nun einfach den Präsidenten, den es zum einen und wie schon gesagt in letzter Konsequenz auch gewählt hat, und der zum anderen vielleicht tatsächlich viel deutscher ist, als es die meisten gerne wahr hätten…