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6. Juli 2010

Rauchen. Macht. Dumm.

Rauchen ist, folgt man jenen, die davon nicht lassen können, wahlweise Ausdruck von Lebensfreude, Genuß, Kultur oder gar „Freiheit“. Nüchtern betrachtet ist es, wie trinken, fixen, kiffen und dergleichen primär eine Sucht. Das erkennt man an kognitiven Dissonanzen wie „ich kann es jederzeit lassen, will aber nicht“ oder „es geht nichts über eine schöne Frühstückszigarette gegen den Husten“. Nicht, daß ich mißverstanden werde: Das ist keine Wertung, kein Urteil. Es ist eine Beschreibung, die ich als erst im zweiten Versuch unabhängig gewordener, ehedem starker und langjähriger Raucher auch aus eigenem Erleben abgebe. In solchen psychischen Gemengelagen ist rationales Argumentieren üblicherweise schwer. Wenn es dann noch an eigene Territorien und Gewohnheiten geht, wird darauf mit größtmöglichem Widerstand oder -willen reagiert. Das ist genau so menschlich, wie die Verquickung von Tatsachen und Einschätzungen mit selektiver Wahrnehmung und Wunschdenken.

Ein Beispiel: Die Kneipe sei „seit jeher“ der Ort, an dem sich insbesondere Raucher träfen. „Rauch und Kneipe“ (bzw. Nikotin und Alkohol) seien quasi „untrennbar miteinander verbunden“, ein Bier ohne Zigarette dazu: „Undenkbar.“ Wirklich? Realitätsabgleich: Bierähnliche Getränke gab es schon vor über 5000 Jahren, der Weinbau war bereits deutlich vor Christus bekannt und man darf annehmen, daß es Gaststätten mindestens solange gibt wie den dort ausgeschenkten Alkohol. Gerade mal 500 Jahre ist es her, daß Christoph Columbus einen Kontinent entdecken mußte, bevor auch diesseits des Ozeans blauer Dunst Kaffe- und Gaststuben vernebeln konnte.

Neben den weitgehend identischen Konsequenzen, die jedes Suchtmittel dem Süchtigen früher oder später beschert, birgt das Rauchen ein weiteres Problem: Es emittiert. Der Konsum der Droge ist gesundheitsschädlich nicht nur für den Konsumenten selbst, sondern auch für Lebewesen in seiner Umgebung. Dies ist, auch wenn es bis heute immer wieder mit gefälligen (und neben den Herstellern der Droge auch von den Abhängigen wie Strohhalme umklammerten) Gegengutachten in seiner Eindeutigkeit zu erschüttern versucht wird, wissenschaftlich längst bewiesen. In Verbindung mit der oben genannten, vermeintlich untrennbaren Symbiose aus Gastgewerbe und Tabakkonsum, führt dies zur nächsten Selbsttäuschung: Der Legende von der Freiwilligkeit dieses „Passivrauchens“ (der gelegentlich verwendete Begriff „Vergasung“ ist schon naturwissenschaftlich nicht korrekt, da Tabakrauch ein Aerosol und nicht etwa ein Gas ist). Es werde ja „niemand gezwungen“, eine „raucherfreundliche“ Gaststätte aufzusuchen.

Das ist natürlich wahlweise frommes Wunschdenken oder schlichter Unsinn. Denn besonders junge oder schüchterne Menschen werden in den seltensten Fällen einen einsamen Abend im Nichtraucherklub oder daheim dem Besuch der Raucherbar in Begleitung ihrer schmauchenden Clicque vorziehen (ein Phänomen, das man gemeinhin als “Gruppenzwang” bezeichnet). Doch was auf Gastseite in seiner Willensfreiheit immerhin relativierbar ist, gilt jenseits der Theke ungleich noch weniger:

  • Weder für den Studenten, der nebenbei mangels Alternativen (außer eventuell der, ohne den Umweg über die Universität direkt einen Billigjob in einem Textil- oder Drogeriediskonter anzutreten oder Schnee zu schippen) jeden zweiten Abend in der Szenebar kellnert,
  • noch für die Nichtstudentin, die sich mangels geeigneter Eltern den Luxus der höheren Schule gar nicht erst leisten konnte und direkt und zeitlebens hinter den Tresen ging, weil sie für die Schlicker-Kasse oder das Ledl-Regal nicht ausreichend qualifiziert ist.
  • Und erst recht nicht für den Wirt, der möglicherweise selbst raucht und damit eigentlich aufhören sollte, das aber nicht schafft, weil er sich aus Angst um abwandernde Gäste weiterhin täglich mit dem Suchtmittel konfrontiert.

Macht geht in der Bundesrepublik Deutschland, jedenfalls nominal, vom Volk aus. Überwiegend freilich indirekt und nicht imperativ, sodaß echter Mehrheitswille sich, realistisch betrachtet, bei praktisch keiner einzigen bedeutenden politischen Entscheidung der jüngeren deutschen Geschichte unmittelbar widerspiegelte. Dies wird insbesondere von sich selbst als „liberal“ und/oder „links“ begreifenden politisch interessierten Mitbürgern – wie ich finde: zu Recht – regelmäßig kritisiert. Bisweilen gibt es Ausnahmen, sogenannte Volksentscheide.

Ein solcher Volksentscheid fand am vergangenen Sonntag ausgerechnet in Bayern statt. Also in einem Bundesland, das man selbst mit viel gutem Willen nicht als Mekka der Basisdemokratie bezeichnen würde (wenn man mal die Basis an den Stammtischen, die bisweilen und insbesondere bezüglich des Bierpreises auch ohne Volksentscheid kleine Etappensiege erringt, außen vor läßt). Es ging bei dieser Abstimmung um den Ersatz des bis dahin von den bundesweit üblichen, teils absurden Ausnahmeregelungen bis hin zur Untauglichkeit verstümmelten Rauchverbots durch ein generelles und ausnahmsloses. Also genaugenommen um Chancengleichheit gerade für die Betreiber kleinster Gaststätten, denn die oben genannte Gefahr der Gästeabwanderung zur „raucherfreundlichen“ Konkurrenz für den entzugswilligen (oder einfach Nichtraucher schützen wollenden) Gastwirt besteht ja gerade nur, weil es bislang eben keine ausnahmslose Gleichstellung gab.

Zu der Abstimmung, deren Ergebnis nicht nur ganz Bayern, sondern gefühlt das Gemüt der gesamten Republik erhitzt, war jeder wahlberechtigte Bürger des Freistaats aufgerufen. Sei es wegen des Rauchverbots in den Abstimmungslokalen, des guten Wetters, des Katers vom Fußballrausch oder aus Überzeugung („das schaffen die eh’ nicht“, „bringt ja alles nichts“): Zwei Drittel jener, die hier zu einer eindeutigen Äußerung gebeten, ja: gefordert waren, verzichteten auf Ihr Stimmrecht. Die eindeutige absolute Mehrheit des verbleibenden Drittels entschied sich für ein Ende der Ausnahmen und für einen Systemwechsel. In durch und durch demokratischer Abstimmung entschied hier also statistisch je ein Bayer über die Regeln für drei weitere seiner Landsleute.

Dumm ist es, anzunehmen, daß „die Anderen“ es schon im eigenen Sinne richten werden. Genaugenommen ist eine solche Weltsicht bereits ein Fall für einen Entzug des Demokratieführerscheins, ähm, der Demokratienutzungserlaubnis – aber diesen Entzug haben ja besagte zwei Drittel hier schon selbst verfügt. An selbstdisqualifizierender Dämlichkeit nicht mehr zu überbieten ist es aber, sich hinterher ernsthaft und sch(m)erzfrei nicht zu entblöden, das Abstimmungsergebnis als „Diktatur von Öko- und Fitneßfaschisten“ zu bezeichnen, als „Unterdrückung durch eine Minderheit“, ja, wie mancher sonst hochtalentierte Kommentator gar den Widerstandspfarrer Martin Niemöller für einen Abgesang auf „bürgerliche Freiheiten“ zu bemühen.

Kaum weniger merkbefreit scheinen auch die Gastwirte selbst. Aufgrund des Rauchverbots denkt man laut und schlagzeilentauglich über eine Preiserhöhung nach. Begründung: Kein Rauch gleich weniger Gäste, also muß man die wenigen, die bleiben, stärker abkassieren. Ein Meisterstück an Logik: Wir bestrafen die, die uns die Treue halten, weil sie die anderen vergrault haben – dagegen wäre Gehirndurchfall lecker Schokopudding. Oder aber ein Meisterstück an Kalkül, denn bekanntlich führen generelle Rauchverbote keineswegs zu weniger Gästen, sondern nicht nur zu anderen (solchen, denen es bislang zu stickig war, denen mit Kindern oder jenen, die als Raucher Anstand genug haben, vor die Tür zu gehen, was übrigens nicht mal in Italien als mangelnder Machismo geschmäht wird), nein, auch zu mehr – wie beispielsweise die Entwicklung in der Schweiz zeigt. Man hätte also nicht nur mehr Umsatz in der Kasse, sondern noch mehr.

Und in, ich behaupte: entweder vorsätzlicher oder eben selbsttäuschender Verkennung nicht nur der ansonsten stets zitierten und meiner Meinung nach in diesem Fall sogar zwei Drittel betragenden Mitverantwortung von Nichtwählern für jedes Wahlergebnis, sondern auch und besonders der bereits genannten Arbeitnehmerschutzproblematik und des Rechtes auf körperliche Unversehrtheit, ziehen ausgerechnet sonst grundrechtsehrfürchtigste Anhänger der „Piratenpartei“ und andere, sich „libertär“ wähnende Geister Vergleiche zum unsinnigen Alkoholverkaufsverbot ab 22 Uhr oder gleich zur Prohibition. Und mancher fordert gar: Kein Verbot von gar nichts mehr.

Aber, Freunde, wenn das wirklich kommt – dann kaufe ich mir unverzüglich eine Dummen-Wumme.


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