DavidBLN.de

17. August 2010

Die Scheibe ist nicht die Welt…

…und das ist auch gut so. Ein überfälliger und nötiger, wenn auch nicht verdienter Abschied.

Liebe CD-DVD-HD-BlueRay-Wasweißich,

ich habe mir vor einigen Tagen einen neuen Computer gekauft. Hin und wieder kommt man einfach nicht umhin. Und, denk nur: Wie schon mal, so Anfang des Jahrtausends, habe ich dieses Mal ein Bauteil weggelassen, das bis heute als unverzichtbarer Standard gilt – wie einst, wir erinnern uns dunkel, jene ratternden und im Extremfall 2,88 MByte fassenden Klapperkästen, auch “Floppy”- oder Diskettenlaufwerke genannt. Und so, wie eines Tages jeder merkte, daß man diese Dinger einfach nicht mehr braucht, ging es mir jüngst mit Dir und deinesgleichen.

Mit einem winzigen, aber bedeutenden und vor allem: Unbezahlbaren Unterschied. Lege ich heute eine jener antiquierten Magnetscheiben, die sich bisweilen hinter Schränken und in Umzugskisten finden, in das in einem aufbewahrten Test- und Experimentierrechner immer noch vorhandene zugehörige Laufwerk ein, so kann ich sämtliche darauf ehedem selbst hinterlegten Daten bis heute problemlos abrufen. Und seien sie 15 Jahre alt und ebensolange auf diesem Medium konserviert. Von Vertretern deiner Zunft kann ich dies nicht behaupten. Und das nach teilweise nicht 15, nicht zehn, ja: bisweilen weniger als fünf Jahren, auf die ich sie Dir anvertraute. Nehmen wir beispielsweise jene unwiderbringlichen (wenngleich manchmal peinlichen), in älteren Epochen auf aus heutiger Sicht altmodische Magnetbänder gebannten Videos, die einem noch einmal jeden Pubertätspickel einzeln ins Gedächtnis rufen: Zwei Jahrzehnte nach deren Entstehen entschied man sich, mit der Zeit zu gehen, diese Machwerke zu digitalisieren und, “state of the art”!, auf eine “DVD-RW” zu “brennen”.

Heute, beim Versuch, diese Unikate abermals zu transferieren auf mittlerweile erneut zeitgemäßen, ja: dank RAID ausfallsicheren und vor allem spottbilligen Magnetspeicher, stellt man beklommen fest: Das war ein Fehler. Selbst solche Plastik-Silberfolien-Verbundscheiben, die man nach dem Schreibvorgang nie wieder angefaßt hat, versagen die Herausgabe der unwiderbringlich verlorenen Daten. Und machen einem spätestens im Vergleich mit vermeintlich antiquierten, robusten Medien wie VHS, Musikcassette, ja: Vinylschallplatte, schmerzlich klar: Von der Option, mehr wie weniger wertvolle Momente des Lebens auf immerdar zu bannen, sind/waren wir insbesondere im Fall der (insbesondere beschreibbaren) optischen Speichermedien weiter entfernt denn je. Die Vision vom erschwinglichen Massenspeicher: Ein Wunschtraum mit bösem Erwachen. Die Vorstellung, emotional bedeutendes zu archivieren und unsterblich zu machen: Für den Arsch.

Genau wie Du, liebe Silberscheibe. Wenn es in nun bald 25 Jahren IT- und Multimedialeben irgendetwas gibt, das ich nicht nur nie wieder anfassen, nicht nur nicht vermissen, sondern auf das ich an jenem Tag, da sein letztes Exemplar weltweit hergestellt wird, eine Flasche Schnaps exen werde, dann bist Du es.

Auf nimmer Wiedersehen, zum Teufel mit Dir, fick Dich, liebe CDVD!


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