Einer von ihnen bist Du sicher auch schon mal begegnet: Der Studie. Sie sind tagtäglich Gast in Talkshows, Nachrichten und sogar (oder besonders) im Dudelfunk. Sie wissen wahlweise, daß Onanieren das Rückenmark schädigt (oder auch nicht), “die meisten Deutschen” gerne den berühmten Gürtel enger schnallen oder den Bundesdoktor ganz toll finden und selbstverständlich auch, daß die gesetzlich vorgeschriebene (natürlich arbeitnehmereigenverantwortliche) kapitalgedeckte Ergänzung der alternativlosen Rente mit 77 ebenso alternativlos ist wie die Senkung der “Lohnnebenkosten” (damit Arbeitgeber nicht ins Ausland abwandern!!1!11).
Von einer so schlauen Sippe wüßte man (oder wenigstens ich) zu gerne mal, wie sie eigentlich aussieht. Wie sie mit Vor- (oder Nach-)namen heißt. Wo sie wohnt, was sie gelernt hat und vor allem: Wer ihr das tägliche Brot (im wahrsten Wortsinn) schmiert. Aber nein – da nehmen es jene, die sie zitieren, mit dem Persönlichkeitsrecht und dem Datenschutz gerne sehr genau. “Gemäß einer Studie”, heißt es stets in bedeutungsvoller Mystik, “eine Studie hat jetzt herausgefunden”, “das ist die Erkenntnis einer brandneuen Studie”. Bisweilen treten immerhin kleine zusätzliche Hinweise ans Licht: “Eine wissenschaftliche Studie” manchmal, oder auch “eine britische Studie”.
Auch kommen diese Studien nicht immer allein, sondern lassen sich von “Experten” begleiten: “Wirtschaftsexperten” mahnen beispielsweise gerne angesichts “dramatischer Studien” zu “radikalen Reformen” und “Sachverständige” attestieren Studien zu gerne ihre Substanz. Natürlich sind diese Begleiter – die übrigens auch gern allein auftreten und dann selbst die Rolle der Studien übernehmen – ebenfalls sehr auf ihre Privatsphäre bedacht: Entweder heißen sie “die Wirtschaftswaisen” (die armen kleinen!), “ein Wirtschaftsexperte” oder “das Sachverständigengremium”, oder aber sie halten sich wenigstens vornehm zurück und verzichten darauf, damit zu protzen, worauf sich ihr Titel denn gründet (oder wem sie ihn – und beispielsweise die letzte Urlaubsreise – verdanken).
Diese Experten und ihre Studien sind in unseren Volksempfängern inzwischen fast präsenter als die obligatorischen “Promi-News”. Ich bin gespannt, wann Dieter Bohlen und Bertelsmann-TV stellvertretend für Deutschland gemeinsam “die Superstudie” suchen. Vielleicht bewerbe ich mich dann sogar mal, da muß man schließlich nicht tanzen oder singen können und nicht mal aussehen. Sondern… ja, was eigentlich?
Ich habe eigentlich im Moment gar keine Lust, mich generell politisch oder konkret zu dieser Sache zu äußern. Aber ich kann nicht umhin, weil es nervt. Seit Jahren. Da wird also, wie einst Oskar Lafontaine der “teure Rotwein”, nun Klaus Ernst der “teure Porsche” (und einiges mehr) vorgeworfen. Global, von der gesamten gleichgeschalteten “alternativlosen Realo”-Journaille. Völlig objektiv, versteht sich, und ohne Kampagnengedanken oder sowas. Dabei wird implizit unterstellt, daß jemand, der “links” ist, jemand also, der nach derzeitiger allgemeiner Sachlage für mehr soziale Gerechtigkeit, für mehr gesellschaftliche, kulturelle und selbstverständlich auch materielle Teilhabe eintritt, ja: Jemand, der seine Wählerschaft besonders in den drangsalierten und vom Arbeitsmarkt zu Leihsklaven dritter Klasse abgestempelten sucht, die gefälligst im Zweifel auch Hundescheiße einsammeln müssen, so einer habe sich also gefälligst seiner vermeintlichen Kundschaft und deren insbesondere materiellen status quo anzupassen.
Und wenn diese (immer seltener) unausgesprochene Gleichsetzung wirklich irgendetwas beweist, dann höchstens eins: Daß die armseligen, vermutlich nicht selten an privaten PR-(”Elite-”)Schulen ausgebildeten Zeilengeldempfänger den Kern “linken” Gedankenguts noch nicht einmal ansatzweise verstanden haben. Der besteht nämlich genau darin, daß ein guter Rotwein nicht dem Lehensherren vorbehalten bleibt. Daß es nicht das Privileg einer überschaubaren Kapitalelite sein soll, sich des Lebens beispielsweise im Jugendtraum eines Sportwagens zu erfreuen. Sondern daß, genau im Gegenteil!, die Segnungen einer immer produktiveren und effizienteren Arbeits- und Produktionswelt eben gerade jedem gleichermaßen zuteil werden sollen. Auch, wenn er kein “cooler Baron” oder “Leistungsträger” ist.
Aber immerhin. Schön, wie sich die gesamte gleichgeschaltete deutsch-demokratische Massenpresse hier einmal mehr als längst zum Verkündungsorgang der Bertelsmänner dieser Welt abgehalfterte Masse selbst enttarnt.
Sonst könnte ich nachvollziehen, wieso Frankreich, wo die Reallohnsteigerungen der letzten Jahre penetrant höher (gerechter!) ausgefallen sind als in unserer neoliberaldemokratisch-deutschen Republik, es schafft, nun schon die Bundesdruckerei beim Gebot um Banknotenaufträge zu unterbieten. An den angeblich zu hohen Lohnkosten dort kann es ja kaum liegen.
Gestern früh fuhr ich nach längerer Zeit mal wieder an einer Ecke vorbei, die einst aus bestimmten Gründen für kurze Zeit meine verstärkte Aufmerksamkeit hatte. Links war ein Edeka, rechts war “Petra’s Nagelstübchen”.
Heute hängen über den schwarzen Flecken der ehemaligen Edeka-Leuchtbuchstaben mäßig festgezurrte Planen die mit dem Wort “Lidl” bedruckt sind und Petra hat ihr Studio an den Nagel gehängt, die Fassade renoviert und die einstigen Plastiklettern gegen ein überdimensionales, beleuchtetes Schild “AWD” ausgetauscht.
Rauchen ist, folgt man jenen, die davon nicht lassen können, wahlweise Ausdruck von Lebensfreude, Genuß, Kultur oder gar „Freiheit“. Nüchtern betrachtet ist es, wie trinken, fixen, kiffen und dergleichen primär eine Sucht. Das erkennt man an kognitiven Dissonanzen wie „ich kann es jederzeit lassen, will aber nicht“ oder „es geht nichts über eine schöne Frühstückszigarette gegen den Husten“. Nicht, daß ich mißverstanden werde: Das ist keine Wertung, kein Urteil. Es ist eine Beschreibung, die ich als erst im zweiten Versuch unabhängig gewordener, ehedem starker und langjähriger Raucher auch aus eigenem Erleben abgebe. In solchen psychischen Gemengelagen ist rationales Argumentieren üblicherweise schwer. Wenn es dann noch an eigene Territorien und Gewohnheiten geht, wird darauf mit größtmöglichem Widerstand oder -willen reagiert. Das ist genau so menschlich, wie die Verquickung von Tatsachen und Einschätzungen mit selektiver Wahrnehmung und Wunschdenken. Ganzen Artikel lesen
Vorweg: Ja, Herr Gauck hat im Gegensatz zum Welfenschwiegersohn Ecken, Kanten und eine klare Linie. Und ja, er wäre auch mir von beiden nennenswerten Kandidaten lieber gewesen – wenn auch nur als kleineres Übel.* Übrigens: noch während der Versammlung hätte jeder Teilnehmer der Bundesversammlung, und sei es nur um ein Zeichen zu setzen, selbst eine geeignete Person seines/ihres Vertrauens als Kandidat vorschlagen können, das nur am Rande.
Daß ausgerechnet die vermeintlich gut informierten twitternden und bloggenden “digital natives” sich jedoch instrumentalisieren lassen, völlig unreflektiert nicht nur Herrn Gauck als nachgerade messiasgleichen Landesführer mit ausschließlich positiven Eigenschaften öffentlich anzuhimmeln, sondern der Linkspartei und ihren Wahlleuten, die es wagten, sich nicht einfach für einen mit ihr nicht abgestimmten (wir erinnern uns: Herr Gabriel von der “S”PD hatte, gemeinsam mit Herrn Trittin, nicht etwa die Linken per SMS kontaktiert, sondern lieber den Bundesdoktor) “überparteilichen” Kandidaten einspannen zu lassen, enttarnt in einem kaum beschreibbaren Maße die Naivittät und womöglich Selbstüberschätzung jener, die von sich behaupten, nicht Teil einer gar nicht existierenden “Internet-Gemeinde” zu sein sondern längst die breiten Massen zu repräsentieren. Wobei: In letzterem Punkt haben “sie”, die sie da munter neben dem Drei-plus-ein-Gänge-Menü der Marathonversammlung hertwitterten, damit sogar Recht, hat doch zuletzt das gefühlte ganze Land “yes we gauck” gekreischt – scheint irgendwie ein Volksbedürfnis mit langer Tradition zu sein.Ganzen Artikel lesen
muß doch dieses dämliche Wahlvieholk mal kapieren, wie klare Mehrheitsverhältnisse auszusehen haben – so, wie in NRW jedenfalls nicht, findet Bild am Montag.
Solange sich der Pöbel also weiterhein trotzig wie ein Kindergartenkind der reinen (und alternativlosen!) Lehre Hayek’scher Markteffizienz verweigert und doch allen Ernstes auf Utopien wie einen solidarischen Staat setzt, muß man ihn eben entweder ignorieren oder so lange zur Urne schicken, bis er keine Lust mehr hat und endlich aufhört, das tatsächliche Mehrheitsverhältnis der Leistungsträger weiter durch seine querulativen Fehlfarben-Kreuze zu stören. Ganz im Sinne von “50 Liegestützen für den Langhaarigen”, das hat sich bei unserer Friedenstruppe und sonstigen Heldenvereinen schließlich auch als probat erwiesen.
Daß die “alternativlose” “Konsolidierung” des “über seine Verhältnisse gelebt” habenden Bundeshaushalts selbstverständlich nicht durch eine Optimierung der Einnahmenseite (das würde ja bedeuten, jene, die emsig Milliarden aus Subventions- und Rettungspaketen kassiertmit ihrer baren Hände Arbeit erwirtschaftet haben, auch noch dafür zu bestrafen), sondern durch eiserne Disziplin besonders derer, die sich auf anderer Leute Kosten bereichern (genau, diese Bankster, die nachts die Parkbank einfach blockieren, beispielsweise!) oder, wie der Bundesdoktor es nannte, durch Prüfung der Ausgabenseite, erreicht zu werden hat ist, klar, alternativlos[tm].
So weit, so schlecht, so unüberraschend für die Nachfahren der Freunde des Flick(werk)s. Wenn aber der Doktor ernsthaft verlangt, daß die “sozialen Strukturen effizienter” werden müßten, dann mag man sich darüber nicht mal mehr erregen.
Denn wer wie er ernsthaft eine sachlich-rechnerische Optimierung des höchsten Kulturguts eines sich als zivilisiert verstehenden (oder wenigstens bezeichnenden) Menschenansammlungskonstrukts fordert, nämlich jenes “sozial, gemeinschaftlich geprägten Miteinanders” (und eben nicht Neben- oder Gegeneinanders, wie es vermutlich im streng darwinistischen Weltbild einer, zumal vom Machterhaltungstrieb unverhohlen besessenen Naturwissenschaftlerin als einzig geltende Weltordnung existieren mag), der verlangt nicht weniger, als in einem runden Zimmer in die Ecke zu pissen.
Effiziente Sozialstrukturen. Ich weiß wirklich nicht, wie ich daraus noch eine Schlußpointe zaubern soll. Und ich hab auch gar keine Lust dazu.
Abseits der zweifelsfrei bewußt als Testballons lancierten “Abstimmungen”, wen das Volk denn gerne als nächsten Sparkassendirektor hätte und bei denen man dann in der Regel zwischen den verschiedenen zu versorgenden Kandidaten aus der schwarzgelben Front “wählen” soll, gibt es dann und wann auch “erweiterte” “Kandidatenlisten”. Da fallen dann auch schon mal gerne Namen wie Margot Käßmann oder Joseph “Joschka” Fischer.
Käßmann, die mir als parteipolitisch wenig verseucht scheint: meinetwegen gerne. Aber den käuflichen Gasbaron Fischer? Warum holen diesen geschmierten Möchtegernrevoluzzer plötzlich alle aus dem Sumpf, in dem er gemeinsam mit seinem Sinnesfreund Ger(har)d zu recht und, so hatte ich gehofft, für immer verschwunden war? Daß er es war, der seine Partei endgültig in einen neoliberalen Kriegsbefürworterhaufen verwandelt hat (”in der Realpolitik ankommen ließ”), scheint entweder vergessen oder einigen wirklich als veritable Lebensleistung zu gelten. Und manch einer entblödete sich in der Vergangenheit ja nicht einmal, ausgerechnet ihn, der den bisher gravierendsten Bruch der deutschen Verteidigungsgrundsätze in seiner ehedem pazifistischen Partei regelrecht durchprügelte, als Friedensfürst zu verbrähmen, weil er im Nahen Osten so vorzüglich geschlichtet habe.
Andererseits, der Fisch stinkt bekanntlich vom Kopf, und wenn dieser Kopf dann nicht nur Fisch wäre, sondern Fischer, dann hätte das Exportwettbewerbswunderland Deutschland auch an höchster staatlicher Stelle endlich einen Komperativ.
Nach Sparkassenhottes ehrenhafter Demission blieb, schon den formellen Regularien geschuldet, wenig Zeit zum Durchatmen und reflektieren. Denn binnen 30 Tagen muß die überraschende Personalie vom Tisch, so will es das Gesetz.
Wenig überrascht dabei, daß unter der Vielzahl mehr oder weniger ernstlich vorgeschlagener Nachfolgekandidaten kaum jemand ist, den man als aufgeklärter Abendländer mental, personell oder auch nur bezüglich der verfügbaren internen CPU-(nicht CDU-!)Leistung als ernsthaft präsidiabel bezeichnen wollen würde; Frank Rieger hat das gestern treffend verkürzt (und Jens Berger das Gegenteil).
Daß es nun, aus Sicht des (netz)politisch Interessierten: zu allem Unglück, wohl ausgerechnet auf die sich erfolgreich als “Powerfrau” inszenierende “Zensursula” hinauslaufen wird, erscheint, unter dem weichenstellenden Aspekt der merkelschen Machtpraxis nicht nur nicht überraschend, es regt auch zu einigen schmerzvollen Gedankengängen und Einsichten an:
Auf Köhler folgt nun wohl “Röschen”. Das beweist: Schlimmer geht eben doch immer.
Die Tatsache, daß die Dame sich selbst von halbwegs reflektierenden Menschen zumindest im ersten Moment erfolgreich mit Attributen wie “stark”, “modern”, “engagiert”, “mutig” und “aufrichtig” assoziieren läßt, belegt nicht nur ihre rhetorischen Künste und das Geschick, öffentliche Wahrnehmung gezielt zu beeinflussen, sondern auch und vor allem, daß ein Land eben doch immer die Führer(innen) bekommt, die es verdient – was man ja nicht erst an der Albrecht-Tochter, sondern auch am bereits installierten Leitpersonal sehen kann.
So mancher, den ich kenne, hat zumindest 2004, eventuell auch noch 2009 mehr oder weniger ernsthaft auf eine starke und mutige erste Frau im Staat gehofft. Eine, der moralische Werte etwas bedeuten, eine, die eine unkonventionelle Karriere hingelegt hat, eine, die sich auch mal einmischt und die politisch unbequem ist. Leute: Der Traum wird wahr! Gut, im ersten und zweiten Anlauf hat es diese linke Professorin da nicht geschaft. Aber ganz ehrlich – sie paßte einfach nicht. Denn:
Wer könnte deutsche Moral denn wohl besser verkörpern als Frau von der Leyen? Stopschilder vor die Fassade, denn Hauptsache der Vorgarten sieht sauber aus und was drinnen passiert, egal!
Unkonventionelle Karriere, na aber hallo: Studium abgebrochen, alle Kinderzimmer im Familienschloß erfolgreich besetzt und dann noch, simsalabim, aus dem Nichts ins Ministerium – das muß erst mal jemand nachmachen.
Na und schließlich: Politisch bequem sein sieht nun wirklich anders aus! Gut, es ist natürlich wie alles eine Frage der Perspektive – aber wenn jemand, der 130.000 demokratisch interessierte Bürger diskreditiert, jemand, der die armen Schweine am untersten Ende der sozialen Hackordnung des Landes mit ZwangsBürgerarbeit belegen will und sich nicht zu schade ist, anderen souveränen Staaten Strafvereitelung gegenüber Kinderschändern vorzuwerfen – wenn so jemand kein unbequemer Präsidentschaftskandidat ist, wer dann?
Und wem das alles nicht reicht, blond ist sie ja auch noch.
Hinweis: Dieser Beitrag wird rechtzeitig zur zu befürchtenden Amtseinführung zensiert, da ich keine Lust habe, mich wegen Verunglimpfung (jawohl, mein Kaiser!) verantworten zu müssen.
vor seiner Eminenz, Bundespräsident a.D. H. Köhler.
Für den Umstand, daß er just heute den einzigen in seiner Amtszeit wegweisenden und für die Geschichtsschreibung bedeutsamen Schritt tat: Den zurück.
Ergänzung: Abgesehen davon, daß sich Köhler mit dem Geschmolle im Rahmen seiner Demission spätestens im Moment derselben völlig disqualifiziert hat, hat er tatsächlich mindestens zwei weitere wichtige Dinge getan:
Er hat Dr. Frau Merkel und Pickelguido unter Zugzwang gesetzt, denn die sollten sich schleunigst ein Beispiel an ihm nehmen.
Vor allem aber hat er, da bin ich sicher, reichlich viele Leute erst mal dazu gebracht, sich mit dem Thema “Ressourcenkriege” und dem Stand der Dinge mal näher zu befassen.
Zu Letzterem gibt es einen, immerhin: Bereits vier Jahre alten, sehr lesenswerten zusammenfassenden Beitrag bei TP, der deutlich macht, daß der tapsige Sparkassenhorst eigentlich, ja man darf gar annehmen: naiv, nachgeplappert hat, was seit bald zwanzig Jahren hinter den mehr oder weniger offenen Türen von “Wehrforen”, “Strategietagungen” und dergleichen, immer unverhohlener und mit stetem Tropfen in den ethischen Stein des westeuropäischen Abendlandes gehöhlt wird: Die Rehabilitierung des Kolonialgedankens.
Zur Lektüre dringend empfohlen, faßt der Artikel die geflissentlich ignorierte zivil(isiert)e Variante einer neuen Weltordnung treffend zusammen:
Die weltweit als Entwicklungshilfe deklarierten Ausgaben machen bedeutend weniger als ein Zehntel des globalen Rüstungshaushaltes aus. [...] Obwohl die Liste der unterlassenen zivilen Hilfeleistungen Tag für Tag länger wird, sollen wir ausgerechnet bei militärischen Aktivitäten glauben, wir hätten es mit moralisch inspirierten Akteuren zu tun.
Je weiter man die Lektüre des Beitrags fortsetzt, umso mehr muß man sich fragen, in wessen Terminkalender eigentlich sinngemäß gestanden haben muß “Revision des zweiten WK anstoßen und Interessen wieder auf die Agenda setzen”. Mich jedenfalls veranlassen so auffällige Neusprechinszenierungen wie verfassungsrechtliche Klarstellung (im Sinne von: “Beseitigung von einst als Lehre aus der Geschichte festgelegten Grundsätzen, um genau die Dinge durchzusetzen, deren Wiederholung man einst verhindern wollte”) und Anpassen der Verfassung an die veränderte Realität (wobei die maßgeblichste Veränderung offenkundig das Sichverabschieden von den dort genannten Wertvorstellungen bedeuten muß) unweigerlich dazu, hier ausschließlich unhehre Motive von Einflußnehmern zu wähnen, denen man einst aus gutem Grund nie wieder Einfluß gewähren wollte.
Nicht, daß nicht von vornherein klar war, daß die CSPDU die Kraft hat. Nicht, daß auch nur für den Bruchteil einer Sekunde die Annahme berechtigt war, die Mülheimer Kandidatin würde als Clement-Zögling einen Konflikt mit der Kohle-Montan-Energie-Lobby in den eigenen Reihen suchen. Aber heute noch anzunehmen, ein Wahlergebnis würde denn auch den Wählerwillen zeitigen, ist, mit Verlaub, mit “naiv” nicht hinreichend beschrieben,
Ein neuer oder besser: besserer, halt: nennen wir es würdigerer, nein, passender: passenderer Schutzpatron, also: Der ideale Schutzpatron für meinen Lästerblock hier (von dem ich mir ja gar nicht sicher bin, ob ich ihn überhaupt weiter als reinen Lästerblock fortführen will) – also: Der ideale Typ dafür wäre eindeutig und ungeachtet aller Verehrung für die ehemalige Inkorporation der von mir so herzlich als ideale Lästerzielscheibe verehrten teutonischen Spießigkeit nicht Hotte Tappert. Es wäre natürlich und ohne Zweifel Jürgen Holtz. Besser gesagt: Die Rolle, die Jürgen Holtz nach bereits vorweislicher Berufsroutine quasi über Nacht im ganzen frisch vereinigten Reich bekannt machte: Friedhelm Motzki. Gemein hat er mit Hotte immerhin, daß sich seiner die nicht mehr ganz so Jüngeren unter uns noch erinnern dürften, wenngleich das Schwellenalter hier ein wenig niedriger liegt als bei Hotte und daß die von ihm selbst dargestellte Persiflage auf jene Rolle, die er zweitausenddrölf in “Good bye Lenin” darstellen durfte, sogar doch auch “der Jugend” in Erinnerung sein sollte.
Wie auch immer, es geht nicht. Ich kann ihn nicht zum Schutzpatron machen, jedenfalls nicht ohne weiteres. Denn ich finde kein gemeinfreies verwertbares Lichtbild von ihm, das ich an Hottes Statt nach ganz oben packen könnte. (Vielleicht frage ich ihn ja einfach um Erlaubnis. Mal sehen.)
Bis dahin müssen diese Zeilen und, für die Jugend, die damit nichts anfangen kann, der Hinweis auf die bei Youtube vollständig verfügbare Serie (aus der auch der folgende Ausschnitt stammt) genügen. Mein persönlicher Favorit aus der Serie ist eigentlich sechseinhalb Stunden lang (weil ich sie mir in Dauerschleife ansehen könnte ohne daß es fad würde), aber besonders liebreizend wird es zum Beispiel ab Sekunde 57. Also, wer mich kennt und/oder schon immer wissen wollte, wer einst die manische Boshaftigkeit meiner Zunge zum Leben erweckt hat, der sehe sich dies und die übrigen 38 Schnipsel an.
Oder, wie es der Kassenwart der nationalen Einheitsvertretung für Arbeits- und Stimmvieh ausdrückte:
Die Politik wird bei der Erfüllung einer schwierigen Aufgabe von Vertretern der Finanzwirtschaft nicht alleingelassen.
(Sollte eigentlich länger und “lustiger” werden, aber irgendwie wird man müde, sich ständig Lästereien zu Dingen auszudenken, die schon für sich so absurd, peinlich, lächerlich, beschämend sind, daß man, wenn es denn was brächte und noch irgendein geeignetes Ziel gäbe, sofort auswanderte.)
“Einschneidend”, “Basta”, “Agenda”. Bläulich schimmernde Zentralgestirne am ansonsten noch unsortierten gedanklichen Firmament eines fünfgradig-windigen Maimorgens des Jahres, von dem kecke Klimatiker behaupten, es könne, einer staubenden isländischen Erdspalte wegen, eines ohne Sommer werden: Zwanzigzehn.